Gefühlte Fallzahlentwicklung

Wenn die Demographie zur Fehlplanung führt

 
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Wie viele Fälle wird unser Haus in 15 Jahren haben?

Welche Fachabteilungen müssen wir ausbauen, auf welche Leistungen sollen wir uns spezialisieren? Das sind Standardfragen der Strategieentwicklung für Krankenhäuser.

In unseren Projekten zur Zukunftssicherung hören wir von Führungskräften meist ähnliche Einschätzungen der Fallzahlentwicklung in ihrem Einzugsgebiet. Oft sind jedoch die Annahmen falsch, oder richtige Daten werden hinsichtlich ihrer Auswirkung auf die Fachabteilung fehlinterpretiert. Ursache der Irrtümer sind meist durch Medien verbreitete Annahmen sowie statistische Probleme.
Wenn sogar Einwohnerzahlen der 50-er Jahre mit den heutigen verglichen werden, dann gerät die Leistungsplanung vollends zum Blinde-Kuh-Spiel.

 Drei beliebte Fehleinschätzungen:

  1. Wir werden immer älter, deshalb kränker, deshalb gibt es mehr Fälle.
  2. Die Bevölkerung schrumpft rapide, deshalb gibt es weniger Fälle.
  3. Der medizinische Fortschritt beschert uns mehr Fälle, weil mehr Krankheiten, vor allem alter Menschen, behandelt werden können.
Zu 1.:

Die Lebenserwartung steigt, wir gewinnen jedoch „gesunde Jahre“. Die wissenschaftlichen Hinweise verdichten sich, dass es kein „biologisches Maximalalter“ gibt. Der 23-jährige Steinzeithäuptling mit seiner Arthrose hätte gestaunt, wie wir heute wohlgenährt und unbeschwert steinalt werden. Die typischen Alterskrankheiten verschieben sich also zu den ganz alten Semestern, „vermehren“ sich jedoch nicht je Patient. Früher wie heute gilt die Faustregel, dass 80 Prozent der Krankheitskosten in den letzten zwei Lebensjahren anfallen, unabhängig davon, ob der Patient 19 oder 91 Jahre alt ist. Trotzdem kommen künftig mehr alte Patienten ins Krankenhaus, allerdings nur insoweit, wie starke Jahrgänge „alt werden“ (siehe Alterspyramide).

Zu 2.:

Ursachen einer regional schrumpfenden Bevölkerung sind heute i.d.R. schwache junge Alterskohorten und junge Menschen, die das Einzugsgebiet verlassen. Für die medizinischen und weitgehend auch die chirurgischen Fächer bleibt es aber meist bei langfristig konstanten Fallzahlen. Denn ihr Hauptklientel, „die Alten“, bleiben am Ort. Obendrein wachsen starke Seniorenjahrgänge nach. Die Pädiatrie oder Gynäkologie hingegen kann sich je nach soziodemographischer Lage auf sinkende Fallzahlen einstellen.

Zu 3.:

Der medizinische Fortschritt führt in erster Linie zu kürzeren Verweildauern und zur Verlagerung in den ambulanten Bereich. Das ambulante Potenzial ist daher eine Schlüsselkennzahl für künftige Fallzahlen. Dagegen fallen einige Operationen an alten Patienten mehr kaum ins Gewicht.

Drei Schlussfolgerungen für die strategische Planung:

  1. Die vom Krankenhaus beeinflussbaren Faktoren wie Ruf, Ausstattung oder Qualifikation wirken viel stärker auf die Fallzahlen als die Bevölkerungsentwicklung. In der Beispielgrafik laufen die Fallzahlen mal mit, mal gegen den Bevölkerungstrend. Drei Kliniken konnten sich aus dem schrumpfenden Patientenkuchen ein größeres Stück als im Vorjahr herausschneiden.
  2. Eine statistische Hochrechnung der Fälle auf Basis der Bevölkerungsvorausberechnungenh der statistischen Landesämter liefert recht verlässliche Daten zur künftigen Altersstruktur der Patienten und damit zu Krankheitsbildern. Für die Fallzahlen hingegen zeigt sie lediglich einen Trend.
  3. Das Ausschöpfen des Marktpotenzials hat mehr Einfluss auf die Fallzahlen als die Entwicklung der Bevölkerung. Für die Leistungsplanung müssen daher ergänzend Marktdaten genutzt werden, um das Fallpotenzial abzuschätzen.
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